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Von den Dänen wollen die Holsteiner nichts geschenkt

14.05.2018

Ein neuer Tunnel unterm Fehmarnbelt soll beide Länder verbinden. Die Dänen finden das so toll, dass sie ihn ganz bezahlen - die Deutschen aber mögen ihn gar nicht. Auch der Naturschutzbund nicht, der ausgerechnet mit der Fährlinie in einer Geschäftsbeziehung steht, schreibt Die Welt am Sonntag (WaS) in einem Feature.

Holger Schou Rasmussen klettert auf den hölzernen Aussichtsturm an der Küste Lollands, er zeigt auf die sich hinbreitenden Wiesen bei Rødbyhavn und sagt stolz: "Da kommt sie hin." Weit und leer liegt die dänische Küste vor ihm, am Horizont sind zwei Fähren zu sehen, die Puttgarden und Rødby verbinden, ein paar Möwen kreischen am Himmel. Sie, das ist eine der größten Betonfabriken, die je gebaut wurden, ein Kasten, mehrere Fußballfelder groß, der 217 Meter lange, 70.000 Tonnen schwere Fertigteile für den seinerseits 18 Kilometer langen Fehmarnbelttunnel produzieren wird. Über Schwimmdocks werden die Riesenteile auf die offene See geschleppt und im Sund versenkt. Ein Monster entsteht, mitten in einem ökologischen Feuchtgebiet. Und Rasmussen, 53, Bürgermeister von Lolland, kann es kaum erwarten, bis das Monster endlich auf der Wiese steht und dampft und raucht und produziert. Es ist ja für einen guten Zweck, findet der Sozialdemokrat, für "das Zusammenwachsen Europas", für einen ganz neuen dänisch-deutschen Wirtschaftsraum und schnellere Transportwege von und nach Skandinavien. "Wir freuen uns sehr darauf", sagt der Politiker mit dem eisgrauen Haar und klingt mit seiner Europabegeisterung wie ein dänischer Mini-Macron.

Auf vier Spuren wird der Autoverkehr durch den Tunnel rollen, zwei Bahngleise sind für Schnellzüge vorgesehen. Zehn Minuten soll die Fahrt unter See dauern, von Hamburg nach Kopenhagen braucht der ICE dann nur noch zweieinhalb Stunden. Ein paar Kilometer südlich ist die Welt eine andere - auf der Insel Fehmarn führt Rasmussens Kollege Jörg Weber die Amtsgeschäfte als Bürgermeister. Rasmussen sagt, Weber sei sein Freund. Doch zum Tunnel fallen dem deutschen Freund ganz andere Dinge ein als dem euphorischen Dänen: "Mehr Verkehr wird mehr Lärm bringen, das ist für Fehmarner ein Problem." Eine Bundesstraße wird vierspurig ausgebaut, die bisher nicht elektrifizierte Bahnstrecke zweigleisig erweitert und unter Strom gesetzt - und dann rollen irgendwann auch noch Güterzüge über die Insel durch den Tunnel. "Wir versuchen jetzt, beim Lärmschutz herauszuholen, was geht", sagt Weber, ebenfalls Sozialdemokrat, tapfer. "Aber wir haben einen Beschluss im Stadtrat, dass wir gegen den Tunnel sind."

Brücken und Tunnel sind hochsymbolische Bauwerke, zumal wenn sie Nationen verbinden. Kann man gegen Brücken und Tunnel sein, die zwei befreundete Länder verbinden sollen? Ist es vernünftig, gegen die Wiedereröffnung einer Güterbahntrasse zu sein, die Fracht von der Straße auf die Schiene lenkt? Ist da Widerstand sinnvoll? Schon 2008 schlossen Dänemark und Deutschland den Staatsvertrag, in dem sie die feste Querung besiegelten, so heißt ein Tunnel im Fachjargon. Die Dänen wollen das Bauwerk so dringend, dass sie sogar die gesamte Finanzierung in Höhe von 7,4 Milliarden Euro übernehmen, Deutschland muss nur für seine eigene Hinterlandanbindung zahlen.

Doch während im Königreich beinahe nur Vorfreude auf den Tunnel zu spüren ist, sorgt er in Schleswig-Holstein hauptsächlich für schlechte Laune. Die macht es manchmal schwierig, die Realität an sich heranzulassen: Der Anti-Tunnel-Beschluss des Stadtrats, an den sich Weber immer noch gebunden fühlt, fiel 2005 - das war drei Jahre, bevor der deutsch-dänische Staatsvertrag unterzeichnet wurde. Die Zeit ist über das Anti-Votum der Fehmarner hinweggegangen. Eigentlich.

Es gibt zwei Zahlen, an denen sich die deutsch-dänischen Befindlichkeiten ablesen lassen. Während des Planfeststellungsverfahrens gab es 12.600 Einwendungen auf deutscher Seite. Ganze 43 kamen aus Dänemark. Da kann man sich fragen, ob die Dänen die Deutschen nicht für irre halten, und wenn man diese Frage Bernd Buchholz stellt, wiegt er den Kopf hin und her und sagt: "Ein bisschen." Er beneidet die Dänen vor allem um ihr Planungsrecht: Statt eines langwierigen Planfeststellungsverfahrens, dessen Ende bei uns angefochten werden kann, bringt das dänische Parlament nach vielen Anhörungen einfach ein Baugesetz auf den Weg, das nicht angreifbar ist. Fertig.

Buchholz ist in der FDP, er war jahrzehntelang Verlagsmanager bei Gruner+Jahr und gehört der schleswigholsteinischen Jamaika-Koalition als Verkehrsminister an. Früher konnte er in seinem Vorstandsbüro Entscheidungen treffen, die umgesetzt wurden. Heute muss er raus zu den Bürgern, den Tunnel-Gegnern auf Fehmarn, und das tut er auch. "Buchholz war mehrfach hier, das erkennen wir an", sagt Bürgermeister Weber. Zu sagen hat der Minister aber vor allem eines: "Der Tunnel wird gebaut. Er ist für Dänemark und Deutschland wichtig und bringt das europäische Verkehrsnetz voran." Ende des Jahres wird der Planfeststellungsbeschluss ergehen, mit dem der Bau sofort beginnen könnte. Könnte. Der Naturschutzbund (NABU) hat angekündigt, das Vorhaben sofort beklagen zu wollen. Dann könnte es bis zu weiteren zwei Jahren dauern, bis das Bundesverwaltungsgericht zu einer Entscheidung käme. Baubeginn wäre dann 2020, die Eröffnung erst 2028.

Aber so weit werde es gar nicht kommen, glaubt Malte Siegert. "Die Chance, dass der Tunnel gebaut wird, beträgt höchstens 50 Prozent", glaubt der NABU-Experte, der die Abteilung Umweltpolitik leitet und seit Jahrzehnten gegen das Projekt kämpft. Siegert koordiniert den Protest auf Fehmarn, er verschickt Pressemitteilungen, in denen er gegen die feste Querung wettert und sagt, dass der Tunnel nur zwei Rapsfelder auf Lolland und Fehmarn verbinde.

Der Umweltschützer gilt zu Recht als Tunnelexperte. Jeder in der Baugesellschaft Femern A/S kennt ihn, Politikern, Umweltschützern, Tunnelfreunden und gegnern ist er ein Begriff. Sie mögen ihn übrigens alle, er ist ein offener Typ, weder verbissen noch verbohrt. In der Sache aber bleibt er hart. Im Gespräch zerpflückt er optimistische Verkehrsprognosen, beklagt die Folgen für den raren Schweinswal, moniert mangelhafte dänische Planungen und bestreitet, dass Deutschland überhaupt vom Tunnel profitiere. "Die Fährverbindung reicht völlig aus, viele genießen doch die Überfahrt bei einer Tasse Kaffee", sagt Siegert. Zudem betreibe die Reederei Scandlines immer mehr Schiffe mit Flüssiggasantrieb, das sei umweltschonend und klimafreundlich. Ein Umweltschützer, der eine Reederei lobt: Kommt selten vor.

Es mag auch daran liegen, dass Scandlines - die Reederei, deren Geschäftsmodell am Tage der Tunneleröffnung erledigt wäre - und den NABU eine Geschäftsbeziehung verbindet. Denn der Naturschutzbund "berät Scandlines auf dem Weg zu einem erfolgreichen Umbau der Fährschiffe", heißt es auf der Website des Verbandes. Ziel des Dialogs sei "nicht zuletzt die Sensibilisierung eines relevanten Akteurs und Multiplikators für ökologische Bedarfe rund um den Lebensraum Meer", so der NABU. Die Wortgirlande dekoriert handfeste wirtschaftliche Interessen. Auf Anfrage teilt der NABU mit, dass er "einen höheren fünfstelligen Betrag" von Scandlines für die "Sensibilisierung" erhält. "Bei einem jährlichen Gesamtetat von rund 45 Millionen Euro bringt die Kooperation mit Scandlines die Unabhängigkeit des NABU keineswegs in Gefahr", so eine Sprecherin. Der NABU engagiere sich ja auch schon "seit mehr als 20 Jahren gegen die feste Fehmarnbeltquerung". Deutsche Umweltpolitik und der Fehmarnbelttunnel, sie scheinen nicht für einander gemacht zu sein.

Selbst ein Politiker wie Robert Habeck, der in Flensburg wohnt und seine Kinder auf eine dänische Schule schickt, kann dem Tunnel samt der europäischen Idee dahinter nichts abgewinnen. "Die Grünen haben eine klare Position zum Fehmarnbelttunnel: Wir halten ihn für überflüssig", referiert er die Beschlusslage der Partei. Und weiter: "Aus Flensburger Sicht bedeutet die feste Querung einen Nachteil für meine Region, da sich die Güterverkehre verlagern." Während die Fehmarner sich also über mehr Verkehr beklagen und Angst vor Güterzügen haben, die nach 20 Jahren Pause wieder über Puttgarden nach Dänemark rollen, hadert der Bundesvorsitzende der Grünen mit der "Güterverkehrsverlagerung". Muss, kann, darf man das verstehen?

Vielleicht kann Michael Løvendal Kruse helfen. Der Weg zum Vertreter von DN, "Danmarks Naturfredningsforening", dem dänischen Umweltschutzverband, führt über Landstraßen an der Küste Seelands nach Store Heddinge. Hier, in diesem uralten Küstenörtchen aus dem 13. Jahrhundert, hat Kruse einen alten Bauernhof ausgebaut und arbeitet als freier Umweltberater. Also: Ist der Tunnel nun umweltschädlich? Haben wir ein Monstrum vor uns? Nein, sagt Kruse. "Wir sind für den Tunnel, weil er gut fürs Klima ist und so umweltverträglich wie möglich gebaut wird."

Bevor das dänische Parlament das Gesetz verabschiedet hat, diskutierten Politiker mit Umweltschützern die schonendste Variante. Die DN-Leute konnten die Abgeordneten überzeugen, keine Brücke zu bauen, weil die für Zugvögel gefährlich sei und die Strömungsverhältnisse in der Ostsee durcheinanderbrächte. "Gegen einen Tunnel haben wir nichts, im Gegenteil: Die Schweinswale sind durch die Fähren viel gefährdeter als durch einen Tunnel." Kruse, der Umweltmann, schwärmt: Von der neuen dänisch-deutschen Grenzregion, die der Tunnel schaffe; davon, wie Kopenhagen und Hamburg zusammenrücken, davon, dass Europa lebt. "Natürlich bin ich für den Tunnel!" Kein Vertreter der Baugesellschaft Femern A/S könnte begeisterter über die feste Querung reden.

Hat sich der DN kaufen lassen? Danach sieht es nicht aus. Er hat der Femern A/S abgerungen, dass das Gebiet, in dem das Betonwerk stehen soll, nach dem Bau des Tunnels umfassend renaturiert wird. Eine kilometerlange Lagune soll an der Küste entstehen, die Feuchtgebiete werden wiederhergestellt. "Besser als vorher", sagt Kruse.

Mit seinem deutschen Pendant, dem NABU, verbindet Kruse wenig. "Sie kommen schon seit zwei Jahren nicht mehr zum Femern Belt Forum", sagt er. In diesem deutsch-dänischen Kreis diskutieren Akteure und Anrainer zweimal im Jahr die neuesten Entwicklungen. Kruse versteht seine deutschen Freunde nicht. "Wie kann man nur Geld von Scandlines nehmen? Das riecht ja fast nach Korruption. Wir haben nur unsere Mitgliedsbeiträge, sonst nichts. Wir sind wirklich unabhängig." Grüne, die sich nicht grün sind; Meeresschützer, die gegen Tunnel sind: Es bleibt verrückt im deutsch-dänischen Verhältnis. Bürgermeister Rasmussen weiß, wo der wesentliche Unterschied liegt. "Dänen haben einfach mehr Vertrauen in ihren Staat. Deutsche hinterfragen sofort alles und glauben, dass auf jeden Fall Unsinn gemacht wird."

Es gibt ein Wort dafür in den skandinavischen Sprachen: "tillit", eine Art soziales Vertrauen. Es meint nicht nur die Beziehung unter Menschen, sondern auch das Vertrauen in Institutionen und Behörden. "Die Deutschen haben Angst vor Veränderung, Angst vor großen Vorhaben. Die Dänen sind relaxter und viel pragmatischer", sagt Rasmussen. "Wir haben einfach Erfahrung mit Tunneln und Brücken, für uns sind das positiv besetzte Bauten." Glauben Sie, dass der Tunnel gebaut wird? "Natürlich", sagt er. "Sonst werde ich nach Fehmarn schwimmen."